Oder: Die FC-Welt noch einmal mit Kinderaugen sehen können…

Da ist es wieder! Dieses Kribbeln im Bauch, diese unbeschreibliche Vorfreude auf das, was sich am Nachmittag in Köln Müngersdorf ereignen wird. Es wird ein Festtag! Es wird emotional, es wird spannend, vielleicht sogar dramatisch! Es ist Heimspielsamstag und schon der gesamte Vormittag ist darauf ausgerichtet, dass es endlich losgehen kann! Mein vierjähriger Sohn bekommt natürlich mit, dass Papa mal wieder völlig durch den Wind, ja sogar ein wenig nervös scheint und fragt mich: „Papa, spielt der Ziebock heute?“ Ich kann es ihm nicht abgewöhnen! Der Ziebock! Ich gebe ihm erneut zu verstehen, dass es sich beim Maskottchen unseres Vereins um einen Geißbock handelt! Ja zugegeben, es ähnelt einer Ziege, ist aber eben keine! Auch egal! Er interessiert sich für meinen Verein und der Club meines Herzens ist dank der geschickten Indoktrination meinerseits auf dem besten Weg dahin, auch seiner zu werden! Viel habe ich dafür schon in den ersten Monaten seines noch jungen Lebens getan. Mitgliedschaft, diverse Devotionalien mit Vereinssymbolen und –farben, Hymnesingen zum Einschlafen, Schoßkarten auf meinem Dauerkartensitz…

Es scheint funktioniert zu haben. Apropos Schoßkarte: „Nimmst du mich mit, Papa?“

Ich denke kurz darüber nach und entscheide mich dagegen, es ist kalt draußen und es regnet und außerdem würde das Bierchen vor, während und vor allem nach dem Spiel ausfallen müssen. Ich versuche es ihm zu erklären – er fängt an zu weinen! Meine Frau eilt mir zur Hilfe und unterbreitet ein nicht unattraktives Alternativangebot – er willigt ein. Auch meine Frau weiß um die Besonderheiten eines Heimspielsamstags und wie es innerlich in mir aussieht. Danke!

Die Autofahrt zum Stadion ist bereits ein Highlight! Mein Schwiegervater fährt, der Rest der Autobelegschaft kann also das erste Bierchen trinken und über die Eventualitäten des Spieltags und den Ausgang des Spiels und die damit verbundenen möglichen Szenarien im Spannungsfeld Punktepolster zu den Abstiegsrängen und Abstand zu den europäischen Rängen diskutieren. Gut durchgekommen, Gott sei Dank keine verlängerten Geschäftszeiten auf der Dürener Straße, vorbei am Kiosk eines Kumpels, der es also auch pünktlich zum Spiel zumindest auf seine Couch schaffen sollte. Auto parken, die letzten 1500 Meter zu Fuß durch den Wald und dann sieht man sie auf einmal: Die vier Türme des Stadions. Die Vorfreude auf das Spiel wird noch einmal kurz durch das lästige Anstehen vor dem Einlass etwas gebremst, dann aber rechtzeitig auf den Plätzen, Cheerleader schon wieder verpasst (egal), Hymne singen, Anstoß! Es geht los! Adrenalin pur!
An dieser Stelle kürze ich diesen Artikel ein wenig ab, da ich ja irgendwann auch einmal auf die Überschrift zu sprechen kommen sollte. Also denn…

Abpfiff! Scheiße. Chance verpasst, sich oben näher heranzuspielen – wie immer eigentlich, wenn diese Chance besteht.

Bleibt nur der nüchterne Blick auf die Tabelle und die sagt, es ist noch genügend Abstand nach unten! Und trotzdem! Es geht mir nicht gut! Es geht mir überhaupt nicht gut! Ich sage zu meinem Schwiegervater: „Lass uns schnell nach Hause gehen!“ Er sagt: Keine Wurst? Kein Bierchen mehr auf dem Balkon?“ Ich antworte nur wortkarg: „Nein!“
Die Heimfahrt ist von großem Schweigen geprägt. Von Zeit zu Zeit wirft einer der auf dem Hinweg noch sehr diskussionsfreudigen Mitfahrer ein „Hätte…!“ oder „Wäre…!“ ein, aber das bekomme ich nur in einer Art Trancezustand mit!

Ich komme zu Hause an, schließe die Türe auf, lege Schal und Trikot in die dafür vorgesehene Schublade des Garderobenschranks und schleiche die Treppe hoch. Mein Sohn kommt freudestrahlend angerannt und fragt mich: „Papa, wie hat der Ziebock gespielt?“ Ich nuschele mir etwas in den Bart, was er nicht versteht. Er weiß es aber trotzdem und ist alt genug zu wissen, dass er besser nicht nachbohrt. Meine Frau weiß auch, was jetzt kommt, nimmt die Kinder und sich aus der Schusslinie und lässt mir meinen Frieden, den ich nur zu gerne mit mir, meinem Verein und diesem verflucht beschissenen Fußballspiel schließen würde. Aber es gelingt mir nicht!

Meine Vorfreude auf die Sportschau, die ich mir jeden Samstag programmiere, um bei verspäteter Ankunft zu Hause auf die Konserve zurückgreifen zu können, ist verflogen. Wieder ein Titel auf der Festplatte, der in ein paar Monaten ungesehen als Datenmüll entsorgt werden wird. Ich habe keine Lust zu gar nichts. Ich versuche dies zu verstehen, es gelingt mir aber nicht! Meinen Sohn höre ich aus der Ferne weinen, weil er realisiert hat, dass er heute aufgrund des Spielausgangs wie gewohnt nicht in den Genuss des Sportschauspielberichts kommen wird. Das ist die ganz harte Schule, denn ich weiß, er sieht die FC-Welt mit seinen Kinderaugen noch ganz anders! Er sieht sie so, wir ich sie gerne sehen würde! Aber etwas hindert mich!
Und im Gegensatz zu Jörg Schmadke, der im Sportstudio unlängst gesagt hat, dass ihn FC-Niederlagen auch immer ziemlich mitnehmen würden, das aber dann spätestens am Sonntag Morgen alles wieder relativiert wäre und es weiter geht, geht es das bei mir eben leider nicht!

Beim Einschlafen geht mir diese Szene im Strafraum nicht aus dem Kopf. Der Schiedsrichter hätte hier auch gut und gerne…

Als ich wieder aufwache realisiere ich ziemlich schnell, dass das Spiel gestern nicht sehr erfolgreich war und meine schlechte Laune ist zurück. Ich versuche mein Verhalten von gestern Abend meiner Familie gegenüber dadurch ein wenig wieder gut zu machen, indem ich mich aufs Rad setze, zur Bäckerei meines Vertrauens fahre und Brötchen hole. Nachdem ich die Brötchen in einer viel zu kleinen Tüte von der mir sehr gut bekannten Bäckereifachverkäuferin erhalten habe fragt diese mich mit einem grenzdebilen Grinsen: „Heute keine Express?“
Ich fasse es nicht. Sie hat es getan! Sie versucht mir, der mit FC-Jacke und –Mütze vor ihr steht, eine Express am Tag nach einer Heimniederlage anzudrehen! Dieses Verhalten ist an Grausamkeit nicht zu überbieten und schreit nach Vergeltung. An meiner sich spontan ändernden Gesichtsfarbe erkennt sie, dass sie besser nicht hätte fragen sollen und begeht in ihrer spontanen Panik Fehler Nummer zwei! Sie fragt nach: „Sie nehmen doch sonst immer eine Express…!
Ich bin perplex und verlasse wort- und grußlos das Ladenlokal und lasse eine verwirrt und verängstigt dreinschauende Bäckereifachverkäuferin zurück. Am Rad angekommen bemerke ich, dass ich in meiner Wut die Tüte mit den Brötchen vergessen habe. Ich bin hin- und hergerissen zwischen „Papa, wo sind die Brötchen?“ und „Warum sind Sie so unfreundlich zu mir?!

Als ich mich umdrehe, steht die unverschämte Frau mit meiner Brötchentüte auf dem Treppenabsatz, reicht mir die Tüte und sagt, während sie deutlich das FC-Wappen auf ihrem T-Shirt unter dem Verkaufskittel in mein Blickfeld rückt: „Das mit der Express tut mir leid! Mir geht es immer genau so wie Ihnen nach so einem Spiel. Aber es ist mein Job, freundlich zu sein. Aber wenn ich nachher nach Hause komme, dann wollen Sie nicht in meiner Nähe sein!“ Sie zwinkert mit aufmunternd zu und geht zurück hinter ihre Verkaufstheke. Während des Heimwegs ertappe ich mich des Öfteren dabei, wie mir ein Lächeln über das Gesicht huscht. Es gibt sie also! Es gibt Menschen, die genau so leiden wie ich! Diese Erkenntnis macht die Situation ein wenig erträglicher, aber nur genau so lange, bis ich zu hause mit der Brötchentüte am Frühstückstisch ankomme.

Da sitzt mein Sohn, begrüßt mich herzlich mit einem „Guten Morgen Papa!“ und gibt mir einen Kuss auf die Backe. Er fragt: „Wie hat denn der Ziebock jetzt gespielt, Papa?“ Ich überlege kurz und beschließe, es ihm zu sagen! „Wir haben 1-3 gegen Stuttgart verloren!“ Mein Sohn verzieht keine Miene, löffelt weiter in seinem viel zu weichen Ei herum und sagt: „Na dann freuen sich wenigstens die Stuttgart-Fans!“
Mit so viel Ignoranz meiner ganz persönlichen Situation hatte ich nicht gerechnet! Ich schwanke zwischen einer schallenden Ohrfeige und einem „Ab in dein Zimmer!“. Dann aber beginne ich darüber nachzudenken, wie schön es wäre, die FC-Welt noch einmal mit Kinderaugen sehen zu können. Ich beuge mich vor, klatsche mich mit meinem Sohn ab und beginne mich auf das nächste Spiel zu freuen! Und ganz langsam beginnt die Vorfreude auf dieses Spiel zu wachsen…

Foto: © Eduard Bopp / upgradecologne.de

4 Kommentare

  1. JohnJTucker

    Sehr geehrter Buebster,
    Ein sensationell geschriebener Einblick in deinen ‚ganz normalen Fußballerischen Samstag‘. Ich selber bin ein leidenschaftlicher Fußballer und auch Fan, jedoch lasse ich mir meine Laune und vorallendingen nicht die Laune meiner Familie vermiesen, nur weil so ein A*#%^$ von Schiedsrichter ein glasklares Handspiel nicht sieht oder ein linker Verteidiger(nur ein Beispiel, habe da keinen bestimmten im Sinn) sich gerade MEINEN Verein aussucht um der gesamten Fussballgemeinde Deutschlands zu zeigen, welch ein Bewegungslegastheniker er ist.( und für den Geld ausgegeben worden ist, welches ich in meinem gesamten Leben nicht verdienen werde!) NEIN, meine Laune werden DIESE Pappnasen nicht vermiesen!!! Es gibt, auch bei starker Vereinsliebe, einfach wichtigeres im Leben!! Vielleicht solltest du mal ‚dei Nervekostüm mal behalte?‘
    In diesem Sinne weiterhin viel Erfolg mit dem Ziebock und möget Ihr die Klasse halten!

    Ein Zugezogener

    Antworten
    • Kölsche Ziege [buebster]

      Hey John!
      Ich würde das gerne beherzigen, kann ich aber leider nicht – wie gesagt, etwas hindert mich! Ein Fässchen Kölsch für den, der mir ein Rezept verrät!
      Meien Familie kommt mit diesem kleinen Laster – übrigens mein einziges – ganz gut klar und weiß, was zu tun ist!
      Ich drücke auch der Eintracht die Daumen – wegen dir! Gibt weiß Gott widerlichere Vereine in dieser Liga…

      Jrooß,

      Bübster

      Antworten
      • Kölsche Ziege [philtek]

        Ich behaupte, Du hast mehr als ein Laster 🙂

  2. Alex

    Ein schöner Artikel, gut geschrieben und teils auch sehr gut nachzuempfinden. 🙂
    Dieses Wochenende haben wir ja erst einmal frei und dann schauen wir, was das nächste bringt. Hoffen wir auf einen Sieg für unseren Ziebock.
    Frohe Ostern!

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Über den Autor

Christoph Braunisch (buebster): Geboren genau 14 Jahre und einen Tag nach dem großen Pierre Littbarski und ausgerechnet in dem Jahr, in dem die A-Junioren des 1.FC Köln die erste von insgesamt drei Vizemeisterschaften feiern konnten. Seitdem FC-infiziert und bei fast allen Heimspielen live am Start und bei Auswärtspartien meganervös vor dem Fernseher. Im Übrigen genau wie diverse große FC-Torhüter während des Sportstudiums vom großen Quäler Rolf Herings gepeinigt.

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